Krankenhaushaftung bei Geburtsschaden

Der Kläger wurde in einer Klinik für Geburtsmedizin mit schwersten gesundheitlichen Schäden geboren. Aufgrund einer nicht rechtzeitig eingeleiteten Schnittentbindung wurde er mit Atemstillstand geboren und musste wiederbelebt werden. Seitdem leidet er unter weißer Asphyxie, respiratorischer Insuffizienz, arterieller Hypertonie, zerebralen Anfällen, mildem Hirnödem und konnataler Pneumonie.

Das Landgericht Berlin hat nach Einholung eines gynäkologischen Sachverständigen-gutachtens festgestellt, dass nachdem die Messung der fetalen Herzfrequenz (CTG) als suspekt eingestuft wurde und sowohl ein Pressversuch mit Kristellerhilfe als auch der Versuch einer Vakuumextraktion misslang, eine absolute Indikation zur sofortigen Schnittentbindung vorlag. Die Mutter des Klägers hätte spätestens zu diesem Zeitpunkt über eine Schnittentbindung, als echte Behandlungsalternative zur vaginalen Entbindung, aufgeklärt werden müssen. Wenn sich im Geburtsverlauf nachträglich Umstände ergeben, die zu einer entscheidenden Veränderung der Einschätzung, der mit den verschiedenen Entbindungsmethoden verbundenen Risiken und Vorteile führt, ist zur Wahrung des Selbstbestimmungsrechts der Schwangeren, diese entsprechend aufzuklären um ihr eine erneute Abwägung der für und gegen die jeweilige Methode sprechenden Gründe zu ermöglichen (BGH, 28.10.2014, VI ZR 125/13). Unterbleibt diese gebotene Aufklärung, ist die Fortsetzung der vaginalen Geburt nicht mehr von der wirksamen Einwilligung der Mutter gedeckt. Der Träger des Krankenhauses wurde verurteilt, dem Kläger sämtliche materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen, die darauf zurückzuführen sind, dass bei seiner Geburt der Versuch einer vaginalen Geburt fortgesetzt wurde, anstatt, ab einem bestimmten Zeitpunkt eine Schnittentbindung einzuleiten.

Urteil des Landgerichts Berlin vom 31.01.2016, 35 O 47/12

Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht Gabriele Mayer

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