Arztstrafrecht: Fahrlässige Tötung

Das Amtsgericht Limburg (Strafgericht) verurteilte einen Zahnarzt (zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung 52 Jahre alt und Vater von 5 Kindern) und einen Facharzt für Anästhesie (zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung 59 Jahre alt und Vater von 2 Kindern) zu Freiheitsstrafen auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Dabei wurde gegen den Zahnarzt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verhängt und gegen den Anästhesisten eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Die Vollstreckung der festgesetzten Freiheitsstrafen wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Die Verantwortlichen operierten im Jahre 2007 ein Kind unter Vollnarkose, welches an dem Williams-Beuren-Syndrom (WBS) litt. WBS ist ein genetisch bedingtes Fehlbildungssyndrom, bei dem ein Gendefekt auf dem langen Arm des Chromosoms 7 vorliegt. Auffällige Zeichen der Erkrankung sind zum einen ein charakteristischer Gesichtsausdruck, hinzu kommen Schielen, Kleinwuchs, leichte bis mittelschwere geistige Behinderungen, Entwicklungsverzögerung beim Laufen und Sprechen, Ess- und Trinkschwierigkeiten, auch Geräuschempfindlichkeit. Bereits im Jahre 2007 war bekannt, dass bei WBS-Patienten erhebliche Risikofaktoren für Todesfälle bei medizinischen Eingriffen mit Anästhesie vorliegen. Die Operation, Ziehung von mehreren Zähen und Entfernung von Zahnbelag, wurde unter Vollnarkose durchgeführt. Bei der Überwachung im Ruheraum kam es zum plötzlichen Röcheln des Kindes, die Atmung wurde immer flacher. Reanimationsmaßnahmen, bei der auch eine Herz-Druck-Massage durchgeführt wurde, wurden eingeleitet. Das Kind wurde mit dem Rettungshubschrauber in die Kinderklinik verbracht. Das Kind verstarb dort einige Tage später an einem Hirnödem.

Das Gericht stellte fest, dass der Inhaber und verantwortliche Betreiber einer Zahnarztpraxis verantwortlich für einen geordneten Behandlungs- und Überwachungsverlauf von Beginn eines Eingriffes an, bis zur Entlassung des Patienten ist. Dies insbesondere bei Durchführungen von operativen Eingriffen in Vollnarkose. Hier ist auch eine postoperative Überwachung zu organisieren, denn die postnarkotische Phase ist besonders gefährlich und bedarf aufmerksamer Überwachung. Bis zum vollständigen Aufwachen des Patienten, d. h. der Möglichkeit sich voll orientiert selbst wieder aus der Praxis zu bewegen, besteht eine anästhesiologische uneingeschränkte Überwachungspflicht durch den Anästhesisten oder geschultes Personal.

Beim Tod eines Kindes aufgrund einer durch Sauerstoffunterversorgung verursachten Hirnschädigung in Folge mangelhafter Überwachung und Behandlung nach einem zahnärztlichen Eingriff in Vollnarkose, ist im Rahmen der Verurteilung des Praxisinhabers und des Anästhesisten wegen fahrlässiger Tötung bei der Strafzumessung zu berücksichtigen, dass das grobe Organisationsverschulden des Praxisinhabers und der Verstoß gegen die anerkannten Regeln der anästhesiologischen Überwachung durch den Anästhesisten in der postoperativen Phase kein „Augenblickversagen“ darstellt, sondern Folge einer den wirtschaftlichen Interessen geschuldeten unverantwortlichen Organisationsstruktur in der Praxis und insbesondere des Fehlens der technisch-operativen und der personellen fachspezifischen Ausstattung waren.

 

Amtsgericht Limburg, Urteil vom 25.03.2011, Ls 3 Js 7075/08-52

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